Einleitung
Am 29. 07.1474 marschiert Karl der Kühne, “von Gottes Gnaden Herzog von Burgund, von Lothringen, von Brabant, von Limburg, von Luxemburg und Geldern, Graf von Flandern, von Artois, von Burgund (der Freigrafschaft), Pfalzgraf von Hennegau, von Holland, von Seeland, von Namur und von Zutphen, Markgraf des Heiligen Reiches, Herr von Friesland, von Salins und von Mecheln”, wie er sich zum damaligen Zeitpunkt nennen konnte, “mit der schönsten Armee, die er jemals hatte, besonders an berittenen Leuten, und einer sehr großen und mächtigen Artillerie” von Maastricht her auf die Stadt Neuss am Niederrhein im Kurfürstentum Köln.
Etwa zwanzigtausend Mann, Hilfstruppen und Troß nicht gerechnet, waren es, die er aufgeboten hatte; noch nie war ein Feldzug von ihm so lange und so gründlich vorbereitet worden wie dieser. Eine Aufforderung, sich dem Herzog zu ergeben, hatte die Stadt schon früher höflich, aber bestimmt abgelehnt; auf eine Erneuerung der Aufforderung zur Übergabe, jetzt, im Angesicht des Heeres, antworteten die Einwohner mit Hohn und Spott: der Rat hatte Mühe, den Abgesandten sicher aus der Stadt zu geleiten. Am Tag darauf begann der Herzog mit der Belagerung. Burgundische Reiter, pikardische Kriegsknechte, Söldner aus der Lombardei, englische Bogenschützen, Kontingente niederländischer Stadtmiliz, von Flandern bis Geldern herbeordert, legten einen Ring um die Stadt, der sich erst schloß, nachdem zwei für den Nachschub beider Seiten wichtige Rheininseln auf der Ostseite, die in den ersten Tagen mehrmals den Besitzer gewechselt hatten, endgültig in die Hand der Lombarden gefallen waren, und der von nun an – nicht ganz undurchdringlich – die ganze Zeit über geschlossen blieb.
Der Herzog hatte damit gerechnet, er brauchte mit seiner glänzenden und gefürchteten Armee, der besten, die es damals in Europa gab, nur zu erscheinen, und es würde wenige Tage dauern, bis sich die Stadt ergäbe. Doch er “traf die Dinge härter an, als er sich gedacht hatte”. Die kleine, gut befestigte und durch erfolgreichen Widerstand gegen eine Reihe früherer Belagerungen selbstbewußt gewordene Stadt war frühzeitig gewarnt worden und hatte die Warnungen nicht in den Wind geschlagen. Karl der Kühne, der im Sommer davor in nächster Nachbarschaft das Herzogtum Geldern, sich in innere Streitigkeiten des regierenden Hauses zwischen Vater und Sohn geschickt einschaltend, fast mühelos besetzt hatte – die Maasstädte Roermond und Venlo hatten sich ohne größeren Widerstand ergeben, Nimwegen, die Hauptstadt, war nach kurzer Belagerung gefallen -, hatte deutlich zu erkennen gegeben, daß Neuss das nächste Ziel seiner rheinischen Eroberungspolitik sein würde.
Den Anlaß dazu boten ihm innere Auseinandersetzungen um den Erzbischofstuhl von Köln und damit, da dem Erzbischof seit über zwei Jahrhunderten die Würde eines Kurfürsten des Reiches zukam, um das Kurfürstentum Köln. Der amtierende Erzbischof Ruprecht, ein Bruder des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz und überdies ein entfernter Verwandter Karls des Kühnen, hatte sich mit der Bürgerschaft von Köln, der damals größten Stadt des Reiches, überworfen und war von ihr vertrieben worden: er suchte Zuflucht und Hilfe für die Rückgewinnung seiner weltlichen und geistlichen Macht beim Burgunderherzog und fand alle Hoffnung darauf – nicht ohne ihm eine hohe Geldsumme und territoriale Rechte in Kurköln dafür in Aussicht zu stellen. Köln hatte inzwischen den Bruder des regierenden hessischen Landgrafen, den jungen Hermann von Hessen, zuvor schon Domherr in der Stadt, zum Verwalter des Erzbistums gewählt. Zu den Städten, die am frühesten und entschiedensten auf seine Seite getreten waren, während andere weiterhin zu Ruprecht hielten, gehörte Neuss.
Das “heilige Köln” direkt anzugreifen, hatte Karl, obwohl dies von den Einwohnern befürchtet worden war, nicht gewagt. Zum einen erschien es ihm zu stark, so lange seine Außenposten nicht gefallen waren; zum andern mußte er damit rechnen, daß ein Angriff auf diese Stadt den Widerstand des Reiches, und zwar seiner freien Städte ebenso wie seiner Kurfürsten und selbst seines zaghaften Kaisers, des Habsburgers Friedrich III., entgegen der sonst gewohnten Trägheit in der Stunde der Gefahr herausgefordert hätte. Aber Neuss: was bedeutete der Name dieses Städtchens im Reich? Dem Herzog dagegen bedeutete die Stadt sehr viel. Für ihn war sie der Riegel, den er aufbrechen wollte, um sich die Tür zum Mittelrhein mit Gewalt zu öffnen und die linksrheinischen Lande über die ihm leichter zu gewinnen scheinenden Kurtrierer und Kurmainzer Gebiete und die ohnehin mit ihm sympathisierende Pfalz bis hinauf nach Straßburg und Basel und zu den an ihn verpfändeten österreichischen Vorlanden am Oberrhein unter seine Herrschaft zu bringen. Von der Mündung aufwärts bis an Kleve heran hatte er den Rhein schon in Besitz; das Herzogtum Kleve, durch Verwandtschaft des regierenden Hauses seit alters mit dem Haus Burgund verbunden, zählte längst zu seinen Verbündeten; die sich nördlich von Neuss bis an den Rhein erstreckende Grafschaft Moers war, weil der Graf’ es mit den Geldrern gehalten hatte, von ihm besetzt worden; die Herzöge von Jülich und Berg, politisch von jeher zwischen dem Reich und Burgund schwankend, neigten sich dem Herzog um so mehr zu, je größer seine Macht wurde. Einzig Kurköln legte sich ihm nach der Vertreibung seines Schützlings Ruprecht wie eine Barriere in den Weg zum mittleren Rhein. Und der am weitesten nach Nordwesten vorgeschobene Stützpunkt, nicht einen Tagesmarsch von seinen Ländern Limburg und Geldern entfernt, deren Herzogstitel er trug, war Neuss. Karls des Kühnen Traum von der Erneuerung des alten lothringischen Zwischenreiches zwischen Frankreich und dem Rhein, für das er die Königskrone beanspruchte, sollte in Neuss anfangen, Wirklichkeit zu gewinnen.
“Zu der Zeit ging im Land die Rede um: Hätte der Herzog Neuss eingenommen, so wäre zu befürchten gewesen, daß noch viele große Länder und Städte dem Herzog zu Willen geworden wären, weil er zu dieser Zeit in fernen Ländern nach etlichen Siegen, die er in Frankreich, im Lütticher Land und in Geldern davongetragen hatte, und dazu durch seine große Macht an Ländern, Leuten und Reichtümern gefürchtet war.
Und darum wurden oben am Rhein und unten wegen seiner Drohworte viele Klöster und schöne Wohngebäude, die vor den Mauern der Städte lagen, abgebrochen: wie in Straßburg, in Bonn, in Köln und anderswo in Sachsen, in Lübeck und in Friesland.” So schilderte ein Kölner Chronist die allgemeine Stimmung im Land zu der Zeit, als Karl der Kühne sich zur Belagerung von Neuss anschickte. Er war nicht der einzige, der diese Sorgen ausdrückte; in Erfurt wie in Löwen dachte und schrieb man darüber nicht anders.
Um diesen hochfliegenden, doch wohlvorbereiteten Plänen Widerstand entgegenzusetzen, hatte Köln den Landgrafen Hermann samt einigen hundert Mann ihn begleitender Ritterschaft aus seinem Land und etlichen von der Stadt angeworbenen Söldnerscharen in das bedrohte Neuss gesandt, bevor der Herzog, nach allgemeinem Kriegsbrauch vor der Ernte, anrückte. Die Stadt war in Verteidigungszustand versetzt worden, sie hatte auch von sich aus mit eigenem Geld Söldner in Dienst genommen. Aus dem umliegenden Land waren Getreide und andere haltbare Lebensmittel in großen Mengen eingelagert worden, von Rhein und Mosel hatte man an Wein größere Vorräte als gewöhnlich eingekauft; vor dem herannahenden Feind wurde das Vieh der Ackerbürger, aber auch der Bauern benachbarter Döffer, “nicht durch das Recht des Krieges, sondern der Notwendigkeit wegen, kraft derer alles allen gehört”, in die Stadt getrieben; zwei alte, durch Pferdekraft getriebene Mühlen, die man sich für den Notfall aufgehoben hatte, wurden wieder betriebsfertig gemacht. Unter den zur Verteidigung Gerüsteten befanden sich auch einige Lütticher, die sich der Stadt gegen Sold zur Verfügung gestellt hatten. Von den Erz- und Kohlelagern ihrer Heimat an Arbeiten in und unter der Erde gewöhnt und darin besonders erfahren, taten sie sich später in Neuss beim Ausheben von Gräben und Stollen sowie bei Sprengungen hervor. Ihre Anwesenheit trug dazu bei, die in den rheinischen Landen ohnehin lebhafte Erinnerung an die schreckliche Zerstörung, die der Burgunder noch nicht sechs Jahre zuvor der benachbarten Stadt Lüttich bereitet hatte, gegenwärtig zu halten.
Nicht zuletzt diesen Vorbereitungen, vor allem aber dem Widerstandswillen der Bürgerwehr und der sie verstärkenden Söldner und Ritter, geleitet durch das militärische Genie des jungen Landgrafen, das dem des Burgunders sich in dieser Lage als ebenbürtig erwies, war es zu verdanken, daß Neuss der Belagerung durch die “Burgundischen” fast ein Jahr lang standhalten konnte, bis es, erschöpft, durch das Reichsheer unter dem Kaiser endlich entsetzt wurde. Man kann wegen seines Zögerns dem Kaiser, der zehn Monate brauchte, um ein Heer aufzustellen und mit diesem vor Neuss zu erscheinen, und der dann dem Burgunder immer noch das Feld überließ, politisch – strategischen Weitblick, so kümmerlich seine militärische Tatkraft war, nicht absprechen: Ein geschlagenes Burgund wäre allzu leichte Beute des im Hintergrund lauernden Königs von Frankreich, seines eigentlichen unerbittlichen Gegners, geworden; der Habsburger aber zielte nach wie vor auf den Heimfall Burgunds an das Reich (oder an seine Hausmacht) durch Verheiratung der Alleinerbin Maria mit seinem Sohn Maximilian – ein glimpfliches Ende der Neusser Affäre, ein womöglich ehrenvoller Abzug kam dem in seiner Ehre empfindlichen Herzog am meisten entgegen, ohne der Sache Kölns Schaden zu tun. Die von Friedrich seit langem angestrebte Heirat der beiden jugendlichen Landerben wurde vor Neuss, zunächst geheimgehalten, abgemachte Sache.
Karl der Kühne zog ab, ohne die Stadt eingenommen zu haben, doch auch unbesiegt. Dennoch verließ er sein Feldlager vor Neuss “als schwer angeschlagener und an allen Dingen arm gewordener Mann”, wie man am französischen Hof nicht ohne Schadenfreude bemerkte: “Er hatte vor Neuss viertausend Mann, die in seinem Sold standen, verloren; mit ihnen starb ein Teil der besten Leute, die er hatte.” Nicht einmal zehn Jahre im ganzen hat Karl der Kühne Burgund regiert, fast ein Jahr davon hat er, unermüdlich anfeuernd und anführend, im Feld vor Neuss verbracht. Eine so lange ununterbrochene Abwesenheit aus seinen Ländern wirkte sich für ihn verhängnisvoll aus. Das Gesicht unverwandt auf die hartnäckig widerstrebende Stadt gerichtet, konnte er nicht verhindern, daß sich hinter seinem Rücken das Verderben zusammenzog. Während er Neuss belagerte, kündigte ihm Herzog René von Lothringen die Treue auf und fiel mit Feuer und Schwert in sein Land Luxemburg ein; verheerte und brandschatzte Ludwig XI. von Frankreich ihm seine nördlichen Länder Picardie, Artois und Hennegau und im Süden Burgund selbst; verweigerten ihm die flandischen Städte den Gehorsam; sagte ihm Basel den Krieg an; einigten sich die Schweizer mit den oberrheinischen Städten; verbündeten sich die Eidgenossen, die dem Kaiser die Heerfolge nach Neuss abschlugen, mit Frankreich; sandte ihm Bern, vom Kaiser gedrängt, im Namen aller Eidgenossen die Kriegserklärung; wartete in England König Eduard IV., den er endlich zum aktionsfähigen Bundesgenossen hatte gewinnen können, vergeblich auf ihn zum gemeinsamen Vorgehen gegen Frankreich: als er von Neuss abziehen konnte, ohne, wie er meinte, an seiner Ehre Einbuße erlitten zu haben, war es zu vielem zu spät. Nach sieben für die Zeitgenossen auch noch in der Gewalttat glänzenden Regierungsjahren Karls des Kühnen war Neuss der Anfang vom Ende seiner Herrschaft. Es setzte sich, nach dem kurzen Zwischenspiel der Wiederaufrichtung seiner Macht im abgefallenen Lothringen, ein Jahr nach der Belagerung von Neuss fort in den Niederlagen von Grandson und Murten durch die Schweizer und vollendete sich Anfang 1477 vor Nancy, anderthalb Jahre nach Aufhebung der Belagerung von Neuss, durch den Tod in der Schlacht. Eine kleine Stadt, die nichts wollte als sich selbst behaupten, hat vor fünfhundert Jahren eine Wende in der westeuropäischen Geschichte eingeleitet.








